Departmental Bulletin Paper 声の語りの可能性 : イルゼ・アイヒンガー『ボタン』における対話的語りの実践
コエ ノ カタリ ノ カノウセイ イルゼ アイヒンガー ボタン ニオケル タイワテキ カタリ ノ ジッセン
Möglichkeiten der mündlichen Erzählung : Zur Praxis des dialogischen Erzählens in Ilse Aichingers Hörspiel Knöpfe

小林, 和貴子

(20)  , pp.67 - 92 , 2016-03
ISSN:18817351
NCID:AA11187452
Description
Seit dem Roman Die größere Hoffnung (1948), der in der Nachkriegszeit erschien,bis zu ihren Werken im 21. Jahrhundert, wie z.B. Film und Verhängnis (2001) sowie Unglaubwürdige Reisen (2005), sind die literarischen Arbeiten der österreichischen Schriftstellerin Ilse Aichingers durch die Thematisierung der Erinnerung, in ihrem Fall besonders an den Holocaust, charakterisiert. Ihr Interesse an Medien und die dialogische Erzählweise, die bei ihr immer wieder in der Forschung betont wird, sind dabei eng miteinander verbunden: Dialoge in der Erzählung bzw. ihre dialogische Struktur tragen oft mediale Funktionen, die ermöglichen, dass die Erzählung selber schließlich als Medium vor den Lesern auftritt, als Medium für den Dialog zwischen der Erzählung und den Lesern. Aichingers dialogisches Erzählen, das schon in ihrer frühen Erzählung wie Das Plakat (1949) modellhaft demonstriert wird, kennzeichnet auch ihr erstes Hörspiel Knöpfe: Der vom wechselhaften Wetter (Regen, Nebel, Wind, Kälte) sowie der ökonomischen Unsicherheit geprägte, in diesem Sinne zeitliche Raum von „draußen“ steht dem stets trockenen, heißen, unzeitlichen Raum von „drinnen“ der Knopffabrik gegenüber. Die Personen, die weniger handeln als erzählen, sind jeweils in den Szenen auf zwei Positionen aufzuteilen: Die Frauen, die in der Fabrik als Arbeitnehmer Knöpfe sortieren, ohne mit dem Geheimnis um die vermutlich mit der Herstellung zusammenhängenden Geräusche hinter der Wand vertraut zu sein, stehen im Gegensatz zu den Männern, die als Arbeitgeber davon zu wissen scheinen. Die Frauen wiederum stehen sich in zwei Fronten gegenüber und verbinden sich mit bestimmten Männern: Jean und Rosie, die keine Angst mehr um die Geräusche haben, teilt Ann genau das gegensätzliche Gefühl mit. Das Paar „Ann – John“lässt sich ebenfalls im Kontrast zu den anderen zwei Paaren („Jean – Bill“ und „Rosie – Jack“) sehen, während eigentlich jedes Paar aus der Mikroperspektive jeweils einen Gegensatz darstellt. Bei dieser Figurenkonstellation haben Fragen in Bezug auf die Knöpfe, wie z.B.: Woher sie kommen? Was sie eigentlich bedeuten? usw., zentrale Bedeutung, denn sie machen die kontrastive Positionen der Personen sichtbar. Die Knöpfe fungieren hierbei als Medien, die aus Gesprächen Dialoge entstehen lassen. Jeder Dialog wird außerdem räumlich bestimmt: Der Raum beeinflusst das Denken und die Aussagen der Personen, so dass schließlich durch den ständigen Raumwechsel von „drinnen“ und „draußen“ eine dialogisch-dynamische Entwicklung der einzelnen Dialoge entsteht. Die Knöpfe tragen eine weitere mediale Qualität. Die Vermutung, dass die Knöpfe als Opfer anzusehen sind, die an die Opfer des Holocausts denken lassen, liegt nahe, wenn die Fabrikarbeiterin Jean eines Tages verschwindet und bald ein neuer Knopf namens Jean vorgestellt wird. Es gilt nun, die Erinnerung an Jean bei der Hauptfigur Ann zurückzuholen, denn es ist eigentlich nicht klar, dass der Knopf Jean auch wirklich Jean ist. Bei dieser Annahme findet die Erinnerung jedenfalls in ihrem Versuch statt, mit dem Knopf in einen Dialog zu treten. Die Knöpfe im Hörspiel stellen eigentlich etwas dar, das sich überhaupt nur in ihrer negativen Qualität definieren lässt. Als Knöpfe aber auch als keine Knöpfe (als alles und nichts) ziehen sie doch deswegen die Menschen immer wieder an. Dass sie einen dialogischen Horizont eröffnen können, wird in mehreren Hinsichten angedeutet: So äußert Ann im Angesicht eines Knopfes das Gefühl, dass der gegenüberstehende John zerlegt wird. Die Besonderheit der Knöpfe, dass sie je nach Zeit und Raum ihren Glanz ändern, kann man auch in diesem Zusammenhang verstehen. Im Hörspiel gelingt es Ann am Ende zwar nicht, den Knopf Jean anzurufen, aber der Dialog zwischen den beiden, zwischen der Lebenden und der Verschwundenen, wäre zu erahnen; somit auch der Dialog zwischen den Lesern und dem Hörspiel selbst, weil mit den Knöpfen auf der Metaebene das Hörspiel Knöpfe gemeint ist. Die Überlegung über die Qualität des Dialogs hinsichtlich der Erinnerung kann auf die Dialogsphilosophie des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig bezogen werden. Vom Verständnis des Menschen ausgehend, der angesichts seines eigenen Todesschicksals unvergleichbar mit anderen sein einzigartiges Selbst darstellt, bildet Rosenzweig seine Philosophie, bei der das Ich im Dialog mit dem Du den Umriss gewinnt. Von Bedeutung ist die Erkenntnis, dass das Ich erst durch den Anruf vom Du entdeckt wird. Ann wartet also zu Recht auf die (Re)aktion vom Knopf Jean, was in Bezug auf die Erinnerung darauf hinweist, dass der „Anruf“ vom „Du“ – seien es Knöpfe, seien es Geräusche, also etwas, was die medialen Funktionen trägt – den Horizont dafür im Ich eröffnen kann. Die Erinnerung war bei Aichinger keinesfalls die Erzählung vom Ich über die Vergangenheit in der Jetztzeit, sondern diejenige, die sich im Dialog mit dem „Du“ entwickelt, der das Ich ab und zu überfällt und die Jetztzeit des Ichs mitgestaltet. Wenn die Erinnerung von solchem Anruf abhängt, liegt die Bedeutung der Medien für Aichinger auf der Hand: in ihrem Fall besonders von der Sprache als Medium. Das Hörspiel, das als Audiogattung eine Erzählung durch die in der Jetztzeit ablaufenden, performativ mündlich geführten Dialoge ermöglicht, bot ihr deshalb ein geeignetes Experimentierfeld an.
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