Journal Article 『グストル少尉 : 身分制社会崩壊の予兆
„Leutnant Gustl“ : Eine Antizipation des Untergangs der Ständegesellschaft

武田, 智孝

(29)  , pp.1 - 16 , 2015-11-20 , 広島独文学会
NCID:AN10092261
Description
„Und warum hab' ich ihm (dem Bäckermeister) denn nur gesagt: »Halten Sie's Maul!«? (---) ... aber natürlich, nervös bin ich gewesen“ sagt Gustl zu sich selbst und zählt „alle die Sachen“ auf, die ihn zornig gemacht hatten. Trotz alledem, wenn sein Partner ein Ehrenmann gewesen wäre, wäre ihm das nie „ausgerutscht“, denn was er gesagt hatte, war eine der schlimmsten Beleidi-gungen, auf die er sofort zum Duell herausgefordert worden wäre. Dem satisfaktionsunfähigen Handwerker gegenüber konnte er unvorsichtig sein. Vor einigen Jahrzehnten hätte sich’s der einfache Bürger, wenn auch im Innersten böse, gefallen lassen, aber um die Jahrhundertwende hatten sich die Verhältnisse geändert, und das hatte Gustl unbewusst wahrgenommen. Der Bürger hatte ihn als „dumme(n) Bub(en)“ beschimpft, den Griff von Gustls Säbel in der Hand haltend. Er wusste wahrscheinlich, dass auf die Beleidigung durch den Satisfaktionsunfähigen der Offizier auf der Stelle den Säbel ziehen und auf ihn losgehen würde, was als Ehrennotwehr erlaubt und verlangt war. Der Bäckermeister war ein Kraftmensch, dessen Hand Gustl vom Säbelgriff nicht wegbringen konnte.Solange der Bäcker, der einzige Mitwisser, lebt, bleibt Gustls Ehre verloren. Um die Ehre wiederherzustellen, gibt es für ihn laut Ehrenkodex keine andere Möglichkeit mehr, als sich zu erschießen. Falls er den Ehrverlust hinnähme und die Schande überlebte, gäbe es die Möglichkeit, irgendwo entfernt von Wien als satisfaktionsunfähiger Bürger zu leben oder nach Amerika zu fliehen, wo „(ihn) niemand kennt“, und ein neues Leben zu beginnen. Er muss sich aber eingestehen, dass er weder schamlos noch tüchtig genug ist.Ihm ist die Ehre unentbehrlich und der Kodex absolut. Bei seiner inneren Qual handelt es sich nicht um „Sein oder Nichtsein“, nicht um Leben oder Sterben, sondern darum, sich töten zu müssen und keine Alternative zu haben. Seine Gedanken kreisen immer nur darum, dass er, um seine Ehre zu retten, sich erschießen muss, dies aber „schrecklich“ sei. Seine Ehre zu wahren und zugleich weiterleben zu können, so ein „Mordsglück“ wird nur dadurch ermöglicht, dass der Bäckermeister, der einzige Mitwisser, stirbt. Als das Wunder geschieht, jubelt Gustl insgeheim auf: „Tot ist er – tot ist er! Keiner weiß was, und nichts ist g'scheh'n!“ Darin stellt sich die Hohlheit der Ehre bloß.In der Anfangsszene hatte ihn u.a. das „morgen nachmittag“ erwartete Duell nervös gemacht, was die groben Worte veranlasst hatte, die ihm um ein Haar fatal geworden wären. Also treibt ihn ironischerweise derselbe Ehrenkodex, aufgrund dessen er einen Juristen auf Säbel fordert, in die Enge, und jetzt lässt sich der mit knapper Not Davongekommene aufs neue zum Duell hinreißen: „Dich hau' ich zu Krenfleisch!“ Gustl bleibt konsequent, indem er immer auf Ehre und Ehren- kodex hält, was den Verfall der verantwortlichen Schicht der Ständegesellschaft andeutet.
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